Von den Landgütern, auf Mallorca ‚Posesiones‘ genannt, gibt es nicht mehr viele, die noch das ursprüngliche Leben zeigen. Der Ausflug nach Els Calderers ist jedenfalls ein nachhaltiges Erlebnis, von dem ich endlich erzählen möchte!
Das Landgut mit einer sehr großen Fläche befindet sich in der mallorquinischen Zentralebene, die auch ‚es Pla‘ genannt wird. Els Calderers liegt im Gebiet der Gemeinde Sant Joan auf dem Weg nach Vilafranca de Bonany. Schon früh war diese Gegend bewohnt, belegt durch eine Höhle, und auch die römische Herrschaft hinterließ hier ihre Spuren.
Erst seit 1992 ist der Landsitz für die Öffentlichkeit geöffnet. Du kannst viele Räume des Wohnhauses sowie die landwirtschaftlichen Nebengebäude besichtigen. Der Bau des repräsentativen Gutshauses geht auf das 18. Jahrhundert zurück, urkundlich wurde dieser Gutsbesitz bereits im 13. Jahrhundert erwähnt.
Der Besuch bietet dir einen sehr lebendigen Einblick in das Leben des Landadels im 19. und 20. Jahrhundert. Lass dich nicht davon abschrecken, dass es mit dem Titel ‚Museu Etnològic dels Calderers‘ als Museum ausgewiesen ist. Stell dir lieber vor, du besichtigst per Zeitreise denn Alltag auf einem Gutsbesitz, denn hier wirkt alles wie aus dem damaligen Leben gegriffen.
Authentischer Blick auf das Leben des Landadels auf Mallorca
Els Calderers zeigt auf den Aussenflächen landwirtschaftliche Geräte, Werkzeuge und Werkstätten sowie typische Tiere eines reichen mallorquinischen Landguts. Die Holzwerkstatt und die Schmiede faszinieren mich mit den vielen gut erhaltenen Details direkt zu Beginn unseres Rundgang. Was für eine illustre Schlüsselsammlung am Kamin!
Das erinnert mich daran, dass wir mit dem Kauf unseres Hauses auch jede Menge Schlüssel erhielten, deren Türen wir nie zuordnen konnten.
Im dreistöckigen Gutshaus selber dann wirkt alles so, als sei die Familie und ihre vielen helfenden Hände nur kurz für einen Ausflug aus dem Haus gegangen. Von Museums-Feeling auch hier kein Spur. Im Eingang dominiert der wunderbare Blick durch das dunkle Sprossenfenster auf den Innenhof. Daneben springt mir die Kommode aus dunklem Holz besonders ins Auge: Jede Schublade ist aufwändig mit einer Tiergestalt verziert.
Vorbei an Mauernischen und Holzbänken geht es durch einen Flur zur Kapelle des Gutshauses, die ins Haus integriert ist. Am Eingang werden neben einer Reliquie auch getrocknete Brautsträuße der Familie unter Glasglocken gezeigt.
Ein Traumplatz zum Schreiben
Einen schönen Raum bietet das weitläufige Empfangszimmer des früheren Gutsherrn. Es hat eine Gewölbedecke, eine gemütliche Sitzgruppe und einen Kamin. Ich verliebe mich dort in einen schönen Schreibplatz. Ein kleines Tischchen steht an einem bodentiefen Fenster, darauf eine alte mechanische Schreibmaschine. Wer sich hier zum Schreiben niederlässt kann gleichzeitig in den begrünten Innenhof blicken.
Wir hatten als Kinder so eine Schreibmaschine, die wir liebevoll ‚Hackepeter‘ nannten. Gemeinsam erinnern wir uns daran, denn den Besuch von Els Calderers mache ich mit meiner Mama. Ich will gar nicht weitergehen, sondern lieber gleich Platz nehmen und mir zu den Eindrucken des Rundgangs meine Notizen machen.
Weiter gehts vorbei an einer kleinen, gut befüllten Bibliothek. Die Regale sind voll gepackt mit alten Werken. Großflächige Zeichnungen zu den Stammbäumen der Familie hängen hier. Jeder Millimeter ist hier mit verschnürten Schriftstücken oder Büchern bedeckt. In der Mitte wacht eine Hundeskulptur, die mich gleich an den literarischen ‚Hund von Baskerville‘ denken lässt.
Räume mit Geschichte/n
Unter dem Haupthaus geht es in einen geräumigen Weinkeller. Bis die Reblaus dem Weinbau auch hier den Garaus machte, wurde hier Weingekeltert. Die Landwirtschaft war dann zum Umstieg auf Getreide gezwungen. Dazu gleich noch eine Anmerkung.
Wir durchstreifen nach und nach viele reichhaltig ausgestattete Zimmer. Wie eingangs geschrieben, das Gefühl ist, als käme gleich jemand von der Familie hereinspaziert. In den Räumen wurde musiziert, gegessen, gespielt, geschlafen oder für den Haushalt gekocht und gebügelt. Alles so, wie gerade kurz verlassen. Die vielfältigen Details erzählen Geschichten, die wir uns dazu ausdenken.
So bewundern wir im Dachgeschoß in einem Kinderzimmer die gut erhaltene Puppenstube. Darin wiederum Situationen aus dem damaligen Leben in einem gut gestellten Haushalt. Kurz denke ich, dass wir eigentlich gerade genauso durch eine Puppenstube im Maßstab 1:1 spazieren, oder?
Meine Mama ist Schneiderin, daher haben wir das auf die Kinderstube folgende Näh- und Bügelzimmer intensiv begutachtet. Auf beengtem Raum ist hier alles versammelt, was zum Nähen, Bügeln, Stopfen, Sticken und Flicken diente.
Überrascht betreten wir nach dieser Enge das riesige Vorratslager im Dachgeschoss. Eine enorm hohe Decke mit einem asymmetrischen und sehr modern wirkenden Dachgewölbe öffnet sich hier für uns. Auf großer Fläche werden hier verschiedenste Maschinen und Hilfsgeräte gezeigt, mit denen die die Ernte verarbeitet oder Vorräte angelegt wurden.
Landwirtschaftlicher Fortschritt
In einem ausgestellten Artikel lese ich während des Rundgangs über die Geschichte des Landguts und der Bedeutung für Sant Joan. Darin erwähnt die Autorin den für die Landwirtschaft der Posesió zuständigen Don Antonio Oliver Gayá (1863-1936). Der ‚l’Amo d’Es Calderes‘ beflügelte seinerzeit mit modernen Methoden in Ackerbau und Viehzucht den Erfolg des Gutes.
Der Artikel beschreibt Antonio Oliver nämlich als reiselustigen Menschen, der aus anderen Ländern Europas neue Anbaumethoden, modernste Pflüge, die ersten chemischen Düngemittel sowie Techniken aus den Bordeaux-Weinkellern mit nach Mallorca brachte. Sein Wissen stellte er auch anderen Landwirten in der Region zur Verfügung, weswegen die Stadt Sant Joan in als ‚Hijo Ilustre‘ (berühmter Sohn) ehrte.
Fazit: Der Besuch lohnt sich
Ein Zeugnis mallorquinischer Kultur, wie es in dieser üppigst ausgestatteten Form selten in dieser Fülle erhalten ist. Es ist wie der Besuch einer Zeitkapsel, in der das Leben der damaligen Zeit festgehalten wird.
Mindestens zwei Stunden Zeit solltest du dir für den Besuch mitbringen. Das Museums-Gut kann täglich von 10-17 Uhr besucht werden, Tickets bekommst du in dem kleinen Ausschank an der Seite des Hauses.
Hast du Els Calderers schon mal besucht?
Was blieb dir am stärksten in Erinnerung? Schreib es mir in die Kommentare.
Links zu Els Calderers – die Zeitmaschine
- Website des Landguts Els Calderers
- Mallorca Infos zu Casa senyorial Els Calderers
- Wikipedia Eintrag zu Els Calderers
- Reiseblog Els Calderers, el reflejo de la vida rural del siglo XVIII en Mallorca
- Perdido en Mallorca: Sant Joan
- Wikipedia Eintrag zur Gemeinde Sant Joan
Illustration: DoSchu mit Canva.Com und Foto von DoSchu • Video mit Fotos von DoSchu

