Vernissage Dörte Wehmeyer • Santanyí

Jedes Jahr findet am Pfingssonntag in Cala Llombards / Santanyí eine Vernissage statt. Dörte Wehmeyer öffnet das Tor zu ihrer Finca Can Blau mit Blick aufs Meer und lädt ein, sich mir ihrer Kunst und den ihr wichtigen Themen auseinanderzusetzen. Die Künstlerin gestaltet nicht nur, sondern sie bezieht Stellung. Die Ausstellung ihrer Installationen sind gesellschaftskritisch und regen die Besuchenden zum Nachdenken an, um bestenfalls ins Handeln zu kommen.

»Es ist 5 nach 12«, sagt Dörte Wehmeyer in ihrer Ansprache. Sie unterstreicht damit die Dringlichkeit gesellschaftlicher Verantwortung, es ist umso wichtiger, sich zu engagieren, um zu erhalten was uns an unseren Werten und der (wieder erlangten) Menschlichkeit wichtig ist. Die Würde des Menschen ist unantastbar – das ist für die Künstlerin mehr als nur ein Satz. Es ist der Leitstern ihrer Arbeiten.

Gartenfläche mit Installation aus Metall, Glas, Kohle

Leitmotiv genauso die Härte der Materialien, mit denen sie arbeitet. In einem Video erklärte Dörte Wehmeyer:

»Richard Serra hat einmal gesagt, die Schwere der Ereignisse und die Tiefe der Schuld, die Unendlichkeit des Schmerzes und die Größe der Verantwortung verlangen schwere Materialien, und ich empfand genauso.«

In ihrem »Garden of Tolerance« in der Finac Can Blau streife ich durch ihre vielfältigen Werke, in denen sich Dörte Wehmeyer mit gesellschaftlichen Spannungen, gewaltsamen Konflikten, Missbrauch, Ausbeutung, Erinnerung und Verantwortung auseinandersetzt. Manchmal ahne ich nur, was genau ich betrachte, jedoch spüre ich die Kraft, die sie ins Metall verewigt hat.

So sperren mich die rostfarbenen, imposant hohen Metallwände im Labyrinth ein, schotten mich ab, erzeugen eine bedrohliche Stimmung. Dann versöhnt mich anschließend ein kleiner Wasserlauf wieder mit der Welt, der jedoch selber das Thema Flucht und Vertreibung thematisiert.

Die Welt und auch Mallorca

Die Arbeiten sind international. Und manchmal auch sehr lokal. Im Garten wirken drei ineinandergezwungene Stühle aus Metall zunächst wie ein innerer Konflikt auf mich. Später erzählt uns Dörte Wehmeyer, dass es ihre Verarbeitung war, wie der letzte republikanische Bürgermeister von Palma de Mallorca, Emili Darder Canaves, hingerichtet wurde.

wehmeyer drei stuehle

Am 18. Juli 1936 schlossen sich die Militärgarnisonen auf Mallorca dem landesweiten Putsch gegen die Zweite Spanische Republik an und nahmen Palmas Bürgermeister Emili Darder Canaves in Haft. Er wurde im Gefängnis Castell de Bellver eingesperrt, sein gesamter Besitz beschlagnahmt. Obwohl die Staatsanwaltschaft eine Höchststrafe von 20 Jahren Haft gefordert hatte, wurde Emili Darder schließlich zum Tode verurteilt.

Am Tag der Vollstreckung seines Todesurteils war er infolge Krankheit und Haft nicht mehr in der Lage, an der Wand zur Erschießung zu stehen. Auf einem Stein sitzend wurde der 41-Jährige am 24. Februar 1937 zusammen mit dem Journalisten und sozialistischen Abgeordneten Alexandre Jaume sowie dem Bürgermeister von Inca, Antoni Mateu Ferrer, erschossen.

Erinnerung, Kunst gegen das Vergessen in jeder Installation.

Kunsthöhle randvoll mit Fingerzeigen

Im Gewölbe unter einer großzügigen Wasserfläche stellt die Künstlerin die empfindlicheren Werke aus. In ihrer »Kunsthöhle« zeigt sie beispielsweise eine zunächst harmlos anmutende gedeckte Tafel mit Salz und Kohle, die davor warnt, wie wir mit unserer Umwelt umgehen. Darüber hängen umgedrehte Weingläser, die das Grundrecht auf sauberes Wasser symbolisieren und eine Anklage gegen diejenigen darstellen, die den Zugang zu Trinkwasser verbauen oder dieses verseuchen.

Das gesamte Gelände und die Kunsthöhle ist eine Ausstellung, die sich im ständigen Wandel befindet. Stets fügt Dörte Wehmeyer neue Werke hinzu, verändert frühere Installationen. Jedes Jahr in der Auseinandersetzung mit dem, was in Gesellschaft und Politik gerade so passiert.

Wichtig ist ihr die Haltung gegen Rückwärtsbewegungen. War es lange weit weg in anderen Kulturen und Ländern, in denen Mädchen mit Gewalt daran gehindert werden zur Schule zu gehen, läuten heute Parolen, eine Frau gehöre in die Küche einer Familie, die Alarmglocken auch in unserer nächsten Umgebung. So finden sich in der Kunsthöhle viele künstlerische Statements gegen das Vergessen der Verbrechen des Nationalsozialismus, gegen Genitalverstümmelung von Frauen, gegen Kindesmissbrauch, gegen Unmenschlichkeit an der innerdeutschen Grenze. Als Kontrast Statements für Bildung, Frieden, Gleichberechtigung oder positive Veränderung.

Mit Worten wachrütteln

In vielen Werken nutzt Dörte Wehmeyer Worte. Der kreative Umgang mit Worten ist aus ihrem Lebensweg nur folgerichtig: Ihre sprachwissenschaftliche und kreative Ausbildung verbindet sich mit einer Kunst, die Raum, Material und gesellschaftliche Verantwortung zusammendenkt. In ihren Installationen werden Worte deshalb selbst zum künstlerischen Medium.

Eine Wand in der Kunsthöhle zeigt ihre neuesten Auseinandersetzungen mit aktuellen Themen. Darin widmet sie sich unter anderem den Wurzeln des Wortes „trump“ …

Small Steps

Es sind die kleinen Dinge, mit denen jede und jeder anfangen kann. Das ist Wehmeyer wichtig zu erkennen. Und so erzählt sie uns von den Menschen in Kanada, die seit letztem Jahr konsequent Waren aus den USA boykottieren aufgrund der Zolldrohungen aus dem Nachbarland.

Ich berichte ihr von dem Digital Independance Day, den unter anderem wir jeden ersten Sonntag im Monat seit Anfang des Jahres begehen, um auf den Prüfstand zu stellen, welche IT-Unterstützung wir auch aus Europe nutzen können. Darüber diskutiere ich dann am folgenden Montag jeweils mit meiner virtuellen Coworking Community und fasse Ergebnisse in meinem Blog zusammen.

Kein einfacher Besuch

Ich bin jedes Mal froh, ihre eindringlich auf empfindsame Menschen wirkenden Installationen am Meer und eingebettet in die Natur zu erleben. Denn Wasser beruhigt mich, das ist meine beste Option, von Anspannung auf Entspannung zurückzuschalten (siehe Anziehungskraft Meer hier im Blog sowie Blue Mind in meinem Blog DoSchu.Com). Dieses Mal freute ich mich, in der Gemeinschaft mit mit Jutta und Maren in einer Sitzecke mit Blick aufs Meer unsere Gedanken und Empfindungen austauschen und sortieren zu können. Vielleicht der Grund, dass ich es dieses Jahr endlich geschafft habe, einen Blogbeitrag über den Besuch im Can Blau fertigzustellen.

Eine wunderbare Frau mit wichtigen Statements für Menschlichkeit, von denen es in letzter Zeit in Politik und Gesellschaft mangelt: Dörte Wehmeyer. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie so offen und schonungslos Haltung bezieht.

Wer die Vernissage verpasst hat

Im September gibt es die Finissage und zu anderen Terminen können Gruppen individuelle Führungen mit der Künstlerin vereinbaren.

Du möchtest mehr zu Dörte Wehmeyer erfahren?

Dann habe ich dir hier einige Beiträge über die Künstlerin zusammengestellt:


Fotos: DoSchu; Titelbild mit Canva.com und Foto von DoSchu

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