Wachtürme Mallorcas setzen Signal
Eine Insel wie Mallorca kann von jeder Seite aus angesegelt werden. Handelte es sich um plündernde Piratenflotten, war es jahrhundertelang für die Bevölkerung überlebenswichtig, rechtzeitig vor der Gefahr gewarnt zu werden. Seit zehn Jahren werden Ende Januar die Signale an historischen Orten wiederbelebt – dieses Mal als Zeichen für Menschenrechte und ein ‚Meer des Lebens‘ …
Noch heute sind die Küsten Mallorcas gespickt mit über fünfzig majestätischen Steintürmen. Wenn du sie siehst, wirken sie im ersten Moment wie nützliche Aussichtstürme auf dich. Dabei sind sie in Wahrheit Zeugen der Geschichte und konfliktbehafteter Zeiten. Sie waren Teil einer findigen Warn- und Verteidigungs-Kommunikation.
Schutz vor Piratenangriffen
Die Lage der balearichen Inseln im Mittelmeer barg lange Zeit die Gefahr, dass feindlicher Besuch aus jeder Richtung herbeisegeln konnte und kein Entkommen möglich war. Die Bevölkerung Mallorcas behielt daher jahrhundertelang das umgebende Meer misstrauisch im Blick. Dazu dienten ab dem 14. Jahrhundert zunächst einfache Hütten entlang der Küsten. In den Archiven wurde dokumentiert, dass es im 15. Jahrhundert bis zu 1.400 solcher einfachen Beobachtungsstellen gab.
Damals überfielen nordafrikanische und osmanische Korsaren Schiffe und Inseln im Mittelmeer. Sie plünderten die Küstenorte, verschleppten Menschen, um diese in die Sklaverei zu verkaufen oder sie gegen Lösegeld zurückzugeben. Neben Santanyí waren auch die Orte Alúdia, Andratx, Pollença oder Valldemossa heftigen Angriffen ausgesetzt. Die Menschen flüchteten von den Feldern in die Kirchen und verbarrikadierten sich. Santanyí baute schließlich lange Zeit an einer die Häuser umschließenden Stadtmauer, um sich besser schützen zu können.
1530 stiegen die Piratenangriffe auf Mallorca derart heftig an, dass die Städte bei der Krone Unterstützung einforderten. Ihre einfachen Aussichtsanlagen wurden viel zu leicht von den Angfreifenden überrannt. Der Vizekönig ordnete den Bau von Türmen oder kleinen Festungen rund um die Insel an.

An über 80 Stellen wichen nun die Beobachtungshütten neuen, massiven Steinbauten: Festungsanlagen wie das Castell de la Punta de n’Amer zwischen Cala Millor und Sa Coma sowie quadratische und runde Wehrtürme – die Torre (spanisches Wort für Turm) oder Talaya (spanisches Wort für Wachturm). Die meisten befinden sich direkt oberhalb der Klippen, andere auf Anhöhen im Inland mit gutem Blick aufs Meer. Die Wachtürme hatten einen hoch am Turm gelegenen Eingang, der nur über eine Handleiter oder Seile erreichbar war. Zur Befestigung wurden die Steintürme massiv mit dicken Mauern und nur wenigen Öffnungen gebaut. Waffen und Kanonen halfen den jeweiligen Wachhabenden dabei sich zu verteidigen.
Zeugen der Vergangenheit
Ein effektives Kommunikationssystem diente dazu, die Bevölkerung in der Nähe zu warnen oder zu Hilfe eilenden Militäreinheiten zu informieren. Das Konzept dieses Sytems geht auf Joan Baptista Binimelis i Garcia (1538/39–1616) aus Manacor zurück. Er war einer der wichtigsten Renaissance‑Gelehrten Mallorcas, agierte als Arzt, Astronom, Geograf, Historiker sowie Priester und gilt als erster Geschichtsschreiber des Königreichs Mallorca.
In der Forschung wird Binimelis als Ideengeber des systematischen Küstenwarnsystems genannt. Sowohl der Entwurf der Anordnung von Wachtürmen entlang der Küste für eine geschlossene Signalkette um die Insel herum als auch die Signalcodes werden ihm zugeschrieben.
Das Netzwerk dieser Wachtürme wurde derart angelegt, dass sie neben dem Blick aufs Meer jeweils mindestens zwei weitere Türme beobachten konnten. Die Sichtung einer nahenden Flotte konnten so rechtzeitig weitergeleitet werden. Bei Tag diente Rauch, bei Dunkelheit Feuer, um mit codierten Signalen die Zahl und den Kurs heransegelnder Piratenflotten weiterzugeben.
Das warnte zum einen die Dörfer im Hinterland, zum anderen die Nachbartürme. Diese gaben die Meldung weiter, bis sie entlang der Küsten schließlich den Torre del Angel in Palma erreichte. Der dortige Wächter notierte den Alarm, damit diese weiter an den Vizekönig geleitet wurde. Der entschied dann von Fall zu Fall, ob eine Flotte den Menschen auf Mallorca zu Hilfe eilen sollte. Im Laufe des 18. Jahrhundert ließen die Überfälle endlich nach und stoppten schließlich nach Veränderungen der Machtverhältnisse im Mittelmeerraum.
Botschafter für ein Meer des Lebens
Die Wachtürme werden seit zehn Jahren im Rahmen einer Aktion für Menschenrechte als Lichterträger genutzt, die an ihre kulturelle Geschichte anknüpfen. Die Aktion ‚Encesa de torres, talaies i talaiots de la Mediterrània pels drets humans‘ entstand 2016 auf Mallorca, initiiert unter anderem von Lehrkräften der weiterführenden Schule IES Marratxí und der balearischen Mathematikgesellschaft SBM‑XEIX. Ausgangspunkt war eine historische Rekonstruktion der alten optischen Signalkette der Wachtürme, die später bewusst mit einem aktuellen Menschenrechts‑ und Migrationsbezug verbunden wurde: Türme als Leuchtfeuer, „um den Weg jener Menschen zu erhellen, die vor Krieg, Gewalt und Elend fliehen“.
Einmal jährlich Ende Januar werden gleichzeitig Dutzende bis knapp 100 Türme, Talayots und andere historische Orte auf Mallorca beleuchtet; 2024 waren es z.B. 84 Punkte, 2025 bereits 96. Um 13:00 Uhr mit Rauchsignalen und um 18:30 Uhr mit Licht. Vor dem gleichzeitigen Signal wird an jedem teilnehmenden Ort ein Manifest für die Menschenrechte verlesen. Das Manifest betont das Recht auf Leben und Sicherheit für Menschen auf der Flucht, verurteilt Rassismus und die Kriminalisierung von Solidarität und fordert ein Mittelmeer als ‚Meer des Lebens‘.
Die historischen Verteidigungsanlagen und Signale werden bewusst umgedeutet: Aus militärischen Warnposten werden Leuchttürme, die auf sichere Häfen und Schutz hinweisen sollen. Feuer und Rauch stehen dabei statt für Gefahr für ein kollektives Engagement gegen Gleichgültigkeit gegenüber der humanitären Krise an den Außengrenzen Europas.
Inzwischen beteiligen sich neben allen Inseln der Balearen auch Küstenorte in Katalonien, Valencia, Aragón, Andalusien sowie teils Regionen in Nordafrika und dem östlichen Mittelmeerraum.
In Portopetro / Santanyí war Cornelia Jost, eine liebe Freundin im Ort, bei der Aktion dabei. Sie hat uns diese farbenfreudigen Fotos zur Verfügung gestellt. Herzlichen Dank dafür!

Mehr zu den Wachtürmen Mallorcas und Nachbarinseln
- Die Website Mallorca Torres mit interaktiver Karte von Jens Händel widmet sich den Türmen der balearischen Inseln: http://www.mallorca-torres.de/
- Eine weitere interaktive Karte zu den erhaltenen Türmen an den Küsten Mallorcas findest du hier: www.torresitalaies.cat.
- In diesem Video werden die Wachtürme Mallorcas und ihre Geschichte mit Würdigung Joan Baptista Binimelis vorgestellt: https://youtu.be/37Lmdhjcjno.
- In der Pressemitteilung berichtet der Inselrat (Consell de Mallorca) über die Aktion für die Menschenrechte: https://www.conselldemallorca.es/noticia1/-/asset_publisher/0kVpLMnZrHVi/content/un-total-de-96-torres-talaies-i-talaiots-s-han-ences-arreu-de-mallorca-aquest-dissabte-pels-drets-humans/695139
- Aufruf von 2016 zur Aktion Talaies de Mallorca: Torres de defensa pels Drets Humans: https://www.xeix.org/activitats-sbm-xeix/article/talaies-de-mallorca-torres-de
- Informationen zu den Leuchtsignalen der Türme 2026: https://fonsmallorqui.org/ca/encesa-de-torres-talaies-i-talaiots/
Türme in der Region Santanyí:
- Torre En Beu (1569) in Cala Figuera
- Torre d’en Bassa (1627) in Portopetro
- Torre Nova de sa roca Fesa (1663 – 1667) in Cala Santanyí
Apropos Torre Nova
Dieser Turm ist ein Lieblingsort von mir. Dort radel ich gerne hin und lasse meinen Blick übers Meer schweifen. Lausche den Wellen, wie sie am Fusse der hohen Felsküste anschlagen. Im Buch »Heiter bis wolkig in Digitalien« habe ich genau diesen Turm Sa Torre Nova an der Cala Santanyí für meiner Hauptfigur Hanna Köhler als einen wichtigen Ort für die Verarbeitung ihrer Erlebnisse mitgegeben. Hier ein Ausschnitt daraus:

Den Blogbeitrag verfasste ich in der 65. Blognacht von Anna Koschinski. Dankeschön für die virtuelle Schreibgemeinschaft!
Titelillustration mit Canva.com und Foto von Cornelia Jost • Fotos: DoSchu & Cornelia Jost




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