Von Kreiseln

Spuren aus der Vergangenheit

Nein, dieses Mal dreht sich der Blogbeitrag nicht um Verkehrskreisel auf Mallorca. Den sehr beliebten Artikel zum Fahren im Kreisverkehr liest du hier in unserem Blog. In diesem Beitrag erzähle ich euch von Kreiseln in den Straßen Santanyís – vor dem asphaltierten Anschluss unseres Dorfes. Und von den Spuren aus der Vergangenheit, die du heute noch entdecken kannst.

„Amb la ment surta en el passat: el joc de la baldufa“ (Mit dem Kopf in der Vergangenheit: das Baldufa-Spiel) – unter dieser Überschrift lese ich in der Festschrift zum diesjährigen Patronatsfest unseres Dorfes den sehr poetischen Text des Philologen Cosme Aguiló Adrover. Er wurde 1950 in Santanyí geboren und liebt das Städtchen, dessen kulturelle Geschichte, die es umgebende Natur und ganz besonders die Sprache.

„Ortsnamen sind wie Archäologie durch Sprache“ …

… vermittelte uns Cosme vor einiger Zeit auf der von uns veranstalteten Mini-Nerd Nite Santanyí seine Begeisterung. Inzwischen veröffentlichte er seine detaillierten Funde rund um die Archäologie von Ortsbezeichnungen in seinem Buch „De Noms e Llocs“ (2023). Er vollzieht an den Namen wichtiger Orte nach, wann welche Bevölkerungsgruppen dort angesiedelt waren.

Mithilfe erhaltener Seekarten vom Mittelmeer zum Beispiel untersucht er vorzugsweise Orte, die mehrere Worte als Bezeichnung tragen. Oft ist es nämlich die gleiche Bedeutung einer markanten Orientierung an Land in unterschiedlichen Sprachen, erzählte er uns damals. Und die Karten zeigen dann bei genauer Erforschung, welche Bevölkerungsgruppe in den jeweiligen historischen Zeiträumen dort lebte.

Wie archäologische Funde aus vergangenen Kulturen in den Erdschichten bei einer Ausgrabung zeigen diese Namen an, welche Kulturen auf andere folgten.

Cosme Aguiló Adrover • Mini-Nerd Nite Santanyí

Spuren von Monstern?

In der aktuellen Festschrift zum Stadfest Santanyí widmet sich Cosme den Spuren, die seine Kindheit hinterlassen hat. Du kennst vielleicht die Getränkemarke, die mit den Krallenspuren eines Ungeheuers wirbt? 2014 erspähte ich genau solche Spuren in Hüfthöhe an der Fassade des Hauses in Santanyí, das wir besichtigten.

„Wer kratzte denn hier am Haus?“, fragte ich damals Cosme. Schon einige Male waren mir zuvor grobe Kratzspuren und begleitende Punkte in dem vergleichsweise weichen Santanyístein aufgefallen. Vielleicht konnte er erklären, was sich hier mit tiefen Steinfurchen verewigt hat?

Santanyí Kratzspuren Porta Murada
Kratzspuren im Sandstein von Santanyí – von einem Monster?

Er lachte verschmitzt und erzählte davon, wie sie als Kinder in den Straßen spielten.

Und genau davon schreibt er nun ausführlich in der Festschrift zum Patronatsfest Sant Jaume in Santanyí. Illustriert mit den wenigen Schwarzweiß-Aufnahmen, die es aus dieser Zeit noch gibt.

»Es dürfte nur sehr wenige der alten Steinportale von Santanyí geben, die keine Spuren von Baldufa aufweisen. In den Seiten der alten Eingänge sieht man oft in Kinderhöhe kleine oder große vertikale Einschnitte, die nichts anderes sind als die Stellen, an denen wir die Kreisel auf und ab gerieben haben, damit sie eine gut geschärfte Spitze haben. Entlang dieser teilweise sehr tiefen Markierungen können Sie erkennen, dass der Stein voller kleiner Punkte ist. Diese entstanden durch Schlagen mit der Spitze des Kreisels, damit sie fest verankert war und sich nicht aus dem Holzkörper löste. Die Einschnitte in Ca na Barraca (in der Carrer de Cas Majoral), in Can Crestall Vell (in der Carrer de Sant Andreu) und in Porta Murada sind aufgrund ihrer Tiefe gut sichtbar. Es gibt einige in anderen Städten auf Mallorca (z. B. an der Fassade der Montuïri-Kirche), aber sehr häufig sind sie im Gebäude Sa Llonja in Palma zu finden, das dem Felanitxer Guillem Sagrera gehört. Sie behalten die schöne Patina der Jahrhunderte und zeugen von ihrer Authentizität.«
Cosme Aguiló Adrover / Festschrift Sant Jaume Santanyí 2024

(eigene Übersetzung mit Unterstützung von Google Translate)

Vom Kreisel

In seinem Aufsatz beschreibt Cosme also das Spiel mit Baldufa, die Peitschenkreisel und im Falle großer Modelle Wurfkreisel- oder Preckel genannt.

Kennst du das Kinderspiel noch?

Es besteht aus zwei Teilen: Kreisel und Peitsche. Der Kreisel ist ein kegelförmiger Körper aus Holz und weist meistens waagerechte Rillen auf, die für eine bessere Rotation sorgen. Der Holzkreisel ist an seiner schmalen Stelle mit einer Spitze aus Metall verstärkt. Die Peitsche ist in Stab mit einer Schnur, die um den Kreisel gewickelt wird.

Gespielt wird in drei Phasen: Anwickeln, Anwerfen und am Leben erhalten.

Die Schnur wird für das Anwickeln richtig fest um den Kreisel gewickelt. Durch ein schnelles Ziehen an der Schnur wird der Kreisel ins rache Rotieren versetzt und trifft laut krachend mit der Spitze auf eine glatte Fläche aus Holz oder Stein. Nach dem Anwerfen mit der Schnur als Starthilfe dreht sich der Kreisel und saust davon.

Jedes Rotieren nimmt durch die Reibung irgendwann ein Ende. Damit das nicht so schnell passiert, wird die Drehbewegung mit gezielten Peitschenschlägen an der Seite des Kreisels mit neuer Energie versorgt und am Leben gehalten.

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Kratzspuren links am Torbogen in Santanyí

Mit dem Kreisel wird in verschiedenen Varianten gespielt.

Die einen Kinder konzentrieren sich darauf, ihren Holzkreisel mit der Schnur am Stock wie eine Peitsche in Bewegung zu halten. Sie üben sich in Geschicklichkeit, wenn sie das rotierende Holz auf verschiedenen Flächen und Schrägen ohne Unterbrechung in Bewegung halten.

In Spielen anderer Kinder geht es deutlich angriffslustiger zu: Wie in Cosmes Kindheit beschrieben, gilt es hier, den Preckel mit dem eigenen Kreisel aus dem Feld zu treiben oder für sich einzunehmen. In seinem Aufsatz erinnert Cosme daran, wie die Begriffe rund um das Spiel mit den Kreiseln den lokalen und teils überregionalen Sprachgebrauch prägte.

»Sie behalten die schöne Patina der Jahrhunderte und zeugen von ihrer Authentizität.«
– Cosme Aguiló Adrover

Kölsche Parallele

„Du bess opjedrieht wie en Dilledöppche!“ Diesen Ausduck bekamen wir Kinder in Köln dann und wann von Erwachsenen zu hören. Ich kann mir vorstellen, diesen Satz verstehen selbst in der rheinischen Metropole nur noch vereinzelt Menschen, die weniger als 50 Jahre auf der Welt sind.

Als Kind bekam ich einen Holzkreisel mit Rillen und Peitschenschnur geschenkt. Der Anfang war noch leicht, wenn der Dilledopp genannte Kreisel begann sich beim zügigen Abrollen der aufgedrehten Schnur zu drehen. Das Aufrechterhalten der Drehbewegung mit dem Seil war eine andere Kunst. Eine, für die uns damals einerseits Vorbild und anderseits Geduld fehlte.

Wir hatten schlicht und ergreifend reichhaltige Spielzeug-Alternativen: leichter erlernbare Spielzeuge oder Beschäftigungen. Bunte Bauklötze aus Holz, die für höhere Bauten von den dazu bestens geeigneten Klemmbausteinen –leider aus Plastik– rasch abgelöst wurden. Ritterburgen und Puppenstuben. Wir bauten Pisten im Sandkasten für kleine Matchbox-Autos, legten Gleise für die Elektroeisenbahn oder schubsten unsere Autos wild durch Loopings aus zusammengesteckten gelben Fahrspuren. Um nur ein paar Beispiele zu geben.

Damals prägte genauso, wie bei Cosme für Santanyí und Mallorca beschrieben, das Kinderspiel aus der erwachsenen Generation den Sprachgebrauch. „Du bist so aufgedreht wie ein Peitschenkreisel“, bekam ein Kind zu hören, weil es unruhig mal hier mal da etwas begann, fragte oder inspizierte. ‚Multitasking‘ auf neudeutsch eben. Für Kinder ganz normal.

Tiefe Kratzspuren rechts und links in Santanyí

Und du?

Kannst du dich an einen Ausdruck in der Sprache / im lokalen Dialekt erinnern, der auf ein Kinderspiel zurückzuführen ist? Der vielleicht heute, da das Spiel aus der Mode ist, kaum mehr zu erkennen ist? Schreib es mir als Kommentar.

PS: Campos

Ach ja, 2022 erblickte ich auf der Kunstnacht in Campos die Kratzspuren – an einer Kirche:

campos kratzspuren kirche
Kratzspuren rechts im Stein am Kirchenportal in Campos

Foto Cosme: Rainer Schuppe / Rayaworx Santanyí • Fotos Häuser: Doris Schuppe @doschu • Titelbild mit Canva.com illustriert

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