2go2 Mallorca

Blog zur Insel im Mittelmeer

Steinskulptur Equilibrio Santanyi

Santanyi – wo wilde Steine wachsen

2 Kommentare

Schon damals zog er mich an, dieser Naturstein, der mir bei Es Pontàs sowie in den Steinhäusern des Ortes Santanyí besonders auffiel und gefiel.  Der vom Meer umspielte Felsbogen vor der Cala Santanyí in diesen warmglänzenden Ockerfarben mit grünen Farbtupfern an der Küste schlug mich in seinen Bann.  Die gegenüberliegende, imposante Stele aus demselben Stein gab mir damals Zeichen:  Hier bist Du richtig!

Equilibrio by Rolf Schaffner • Satnanyi, Mallorca

„Equilibrio“ Santanyí • Rolf Schaffner

Können Steine sprechen? Viele BildhauerInnen werden diese Frage bejahen.  Und für mich ist noch immer ein Gänsehaut-Moment, wenn ich den Stein zeige, den ich ausgerechnet zwischen Felsbogen im Meer und der Steinskulptur Equilibrio fand:  Im Innern offenbarte er nach Säubern von Erdklumpen einen herzförmigen Abdruck (siehe Mein schönster Ort).

Die Stele aus Naturstein bildet in der Cala Santanyí den südlichen Punkt des Kunstwerks EquilibrioDer Bildhauer, der sein Leben und Schaffen eng mit der Region und den hiesigen Steinen verknüpfte, heisst Rolf Schaffner.  Über ihn werde ich in diesem Beitrag erzählen.

Detail Turmhaus Santanyí

Sprechendes Haus? (Turmhaus Rolf Schaffner)

Einer der ersten Deutschen in der Region

1962 kam Rolf Schaffner (1927 – 2008) nach seiner Zeit in München ins Dorf Santanyí mit Frau und kleinem Sohn.  Und blieb begeistert von dem Stein, der dann sein Lebenswerk bestimmen sollte.  Der Marès-Sandstein, der seit Jahrhunderten in der Region abgebaut und bearbeitet wird, leuchtet in den Trockenmauern zwischen den Feldern, in den Häusern des Städtchens Santanyí und findet sich auch in den uralten Bauten der Talaiot-Kultur.  Denn bereits in der prähistorischen Kultur (13. – 2. Jh.v.Chr.) wurde hier der Kalksandstein gebrochen um die Talaiots (Wachtürme) aufzubauen.  Für viele wichtige Bauwerke Mallorcas ist der hochwertige Santanyí-Stein mit einer an Honig erinnernden Farbe genutzt worden: so für die Kathedrale La Seu oder das Schloss Belver. 

Cosme Aguiló schreibt über die damalige Ankunft des Künstlers im jüngst vom hiesigen Rathaus veröffentlichten Buch über den Künstler:

„L’apotecari i historiador Bernat Vidal tot d’una va copsar que aquell home no era un qualsevol. Se’l veia transportar pedres amb un cotxe! … Llavors no tothom en tenia i carregar pedres dins la maleta d’un vehicle era com una mena de pecat mortal davant el qual qui més qui menys n’estava espantat.“
Cosme Aguiló, Philologe in Santanyí

(Der Apotheker und Historiker Bernat Vidal erkannte plötzlich, dass dieser Mann nicht irgendjemand war.  Man sah ihn, wie er Steine mit dem Auto transportierte!  …  Damals hatte nicht jeder einen Wagen, und im Kofferraum Steine zu befördern war wie eine Todsünde, vor der diese Person nicht zurückschreckte.)

Skulpturen Finca Danús • Santanyí

Auf der Insel hatte der Bildhauer Rolf Schaffner ’sein‘ Material gefunden und brachte es jeweils zu seinen ‚Ateliers‘ in der Natur, an denen er seine Werke entstehen liess.  Er arbeitet auf Feldern, die ihm Landbesitzer zur Verfügung stellten.  Mit Ingrid Flohr besuchte ich diese Orte in und um Santanyí, um an der frischen Luft in die Werkschau des Bildhauers einzutauchen.  Faszinierend:  Ich habe noch nie vorher gesehen, dass ein Künstler seine Werke so verknüpft im Freien ausstellen kann.  Das bestätigt auch Ingrid:

„Es gibt in ganz Europa nichts Vergleichbares wie diese Sammlung eines Bildhauers, in der freien Natur entstanden und über Jahrzehnte in diesem geschützten Raum unverändert belassen.“
Ingrid Flohr

So stehen allein im Grundstück der Finca Son Danús an der Strasse nach Campos 15 Steinskulpturen und Gruppen aus den Jahren 1964-1994!  Ein recht wilder Pflanzenwuchs trennt die einzelnen Kunstwerke.  Es beeindruckte mich auf der Tour de Santanyí  sehr, wenn nach dem Durchstreifen des grosszügigen Areals immer wieder einzelne Stelen oder Skulpturen-Gruppen erschienen.  Vorher durch hohen Bewuchs kein Hinweis – und dann stehe ich inmitten einer Ansammlung von aufgeschichteten Steinen.  Moment: Figuren.

"Jueces" • Skulpturengruppe Rolf Schaffner

„Jueces“ • Son Danús

Equilibrio – Gleichgewicht für Europa, für Frieden

Durch das abrupte Auftreten der Kunst auf dem gewundenen Weg durch die mehr oder weniger sich selbst überlassene Natur stehe ich plötzlich mittendrin.  Und habe jeweils ein bestimmtes Gefühl beim Anblick der hohen Figuren.  Zum Beispiel in der Gruppe Jueces (Richter).  Wieder das Thema Gleichgewicht:  Den vielen Richtern stellte Schaffner einen höheren Angeklagten gegenüber um das Verhältnis wieder auszugleichen.

Ich freue mich, dass mir das Kunstwerk Equilibrio so aufgefallen ist.  Zu einer Europäerin, die für den Frieden an vielen Demonstrationen teilgenommen hat, passen die „Meridiane des Friedens“, die Schaffner aufzeigen wollte.  Dazu hat er in fünf Ländern Europas lokale Natursteine zu seinen meterhohen Skulpturen aufgeschichtet.  Diese Stelen stehen im Norden in Trondheim, im Osten in Wolgograd, im Westen in Cork, im Süden in Santanyí und in der Mitte in Bensberg bei Köln.  Das erfreut das Kölsch Mädsche.  Und mehr als ein Kunstwerk ist es inzwischen auch Anlass regelmässiger Austauschtreffen für Jugendliche im Youth Meeting Equilibrium-Democracy Project.

Der zur Drucklegung des Buches über den Künstler amtierende Bürgermeister in Santanyí, Llorenç Galmés, geht in seinem Grusswort auch auf das Gleichgewicht ein:

„Rolf Schaffner, bon coneixedor de les textures, els colors i la qualitat de la pedra de Santanyí, ens convida a reflexionar a través del seu llegat, que perdurarà al llarg dels segles, sobre una Europa en equilibri amb el eu desig de pau al món.“
Llorenç S. Galmés Verger

(Rolf Schaffner, ein guter Kenner der Texturen, der Farben und der Qualität des Santanyí Steins, lädt uns über sein Erbe ein, das Jahrhunderte überdauern wird, über ein Europa im Gleichgewicht und seinen Wunsch nach Frieden in der Welt nachzudenken. )

5 vor 12 – oder 5 nach 12

Und auch sein mahnendes Kunstwerk 5 vor 12 hat etwas (unfreiwillig) vom Thema Gleichgewicht.  Schaffner erstellte es 1990 mit vielen weggeworfenen Dingen aus dem Alltag der Menschen in und um Santanyí.  Dann kam zwölf Jahre später ein Orkan über die Insel.  Der Wind zerzauste das Kunstwerk, warf es gar zu Boden.  Und da liegt es nun und mahnt als 5 nach 12 die Natur zu schützen, mit der sich der Bildhauer verbunden sah.

Son Danús: 5 vor 12

„Ich nehme aus der Natur für meine Kunst, und die Natur nimmt sich meine Kunst.“
Rolf Schaffner

Und ja, nicht nur der beeindruckende Orkan nahm sich Schaffners Kunst. Jede Menge Flechten, die symbiotische Lebensgemeinschaft von Algen und Pilzen erfreuen sich über den neuen luftigen Lebensraum, den die in die Höhe gewachsenen Steine geschaffen haben.

"Caballos" • Rolf Schaffner

Eines der 7 „Caballos“ – mit Flechten

Kunst erleben in Santanyí:  Rolf Schaffner

Einfach unterwegs:

Wenn Du Dich aufmerksam in der Region Santanyí bewegst, kannst Du viele der Kunstwerke von Rolf Schaffner sehen.  Mach einen kleinen Ausflug und schau dir im Kreisverkehr, der den Verkehr auf die Richtungen Santanyí, Es Llombards und Cala Llombards verteilt, zum Beispiel die zwei grossen Stelen Rey y Reina (König und Königin) an.  Zwischen den Abfahrten aus diesem Kreisverkehr kannst Du inmitten der hochgewachsenen Bäume die Köpfe seiner Caballos (Pferde) erkennen.  Wenn Du an der Cala Santanyí an der Küste eine Tour Richtung Cala Llombards unternimmst, triffst Du auf dem Weg in Höhe des Felsentors Es Pontàs auf die erwähnte Säule Equilibrio.  Und in Santanyí selber steht eine Stele an der Umgehungsstrasse.

DoSchu mit "Caballos" in Santanyí

DoSchu mit „Caballos“ • Rolf Schaffner

Auf Kunst-Tour:

Eine Kunst-Tour mit Ingrid Flohr kann ich aus tiefstem Herzen sehr empfehlen. Ingrid bietet viele Möglichkeiten, Kunst im Südosten der Ferieninsel erlebbar zu machen.  Letzten Herbst war ich mit Ingrid unterwegs, und besuchte mit ihr die mehrere Meter hohen, imposanten Statuen im Gelände Son Danús, Equilibrio sowie die Pferde-Gruppe.  Darüber hinaus waren wir zu Gast im ehemaligen Wohnhaus Schaffners, einem Turm aufgeschichtet aus den Steinen der Region.

Rolf Schaffner Museum Santanyí

Rolf Schaffner • Museum Santanyí

In der Ausstellung:

Im Kulturzentrum Ses Cases Noves Santanyí würdigt die Stadt den Künstler in einer kleinen permanenten Ausstellung.

Im Buch:

Im April 2019 veröffentlichte das Ajuntament de Santanyí das Buch „Rolf Schaffner a Santanyí“ mit Texten in Catalan, Castellano, Deutsch und English.  Eine schöne Idee, den Künstler, der so viele Spuren in und um Santanyí hinterlassen hat, in einem Buch zu ehren.  Die Texte dazu lieferten Guillem Morro Veny, Juan & Carlos Schaffner, Andreu Ponç Fullana, Cosme Aguiló, Ingrid Flohr sowie Martin Breuninger (sortiert nach Reihenfolge der Beiträge im Buch).

Buch Rolf Schaffner Santanyi

Buch „Rolf Schaffner a Santanyí“ (2019)

Im Web:

Die Werkschau zu Rolf Schaffner kannst Du hier online bewundern.

Wie bei Skulpturen und insbesondere grossen Werken bekannt ist es ganz klar etwas völlig anderes, innerhalb der Statuen zu stehen und diese auf sich wirken zu lassen.
Daher nutze die Möglichkeiten, die Magie der Steinkunstwerke zu erleben.

Steinskulptur Equilibrio Santanyi

Dieser Beitrag „Santanyí: Wo wilde Steine wachsen“ erschien zuerst im Blog 2go2-Mallorca.eu.

Fotos & Illustration: DoSchu / 2go2-mallorca.eu

Autor: DoSchu

expat living in Mallorca • digital pioneer • new work explorer • digital communication trainer • moderator • networker • founder & coworking host Rayaworx Coworking Mallorca • running on good coffee ☕️

2 Kommentare zu “Santanyi – wo wilde Steine wachsen

  1. Liebe Doris,
    diese „Kunst Tour rund um Santanyí- auf den Spuren des Bildhauers Rolf Schaffners“ hat bisher noch niemand so wunderbar beschrieben, so gut recherchiert, interessant und spannend geschrieben ( obwohl ich ja alles kenne) die Themen des Künstlers sehr einfühlsam wieder gegeben, sein Engagement in der Kunst für den Frieden in Europa und auf der Welt….aktueller denn je.
    Danke dir sehr für diesen Beitrag, herzlichst Ingrid

    Gefällt 1 Person

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